Arian Berisha*

Arian Berisha ist noch nicht einmal ein ganzes Jahr alt, hat aber schon mehr durchmachen müssen als die meisten Erwachsenen. Er wurde bereits in der 25. Schwangerschaftswoche mit nur 625g geboren und leidet deshalb an Unterzucker, Blutarmut, Trinkschwäche, querverlaufendem Dickdarm, Bluthochdruck aufgrund einer Lungenschädigung, Darmdurchbruch, Atemnotständen und einer Neugeborenenblutvergiftung, um nur weniges zu nennen. Das Kind sollte eigentlich besonderen Schutz genießen und in Räumlichkeiten untergebracht werden, wo eine Infektionsgefahr möglichst niedrig ist, stattdessen wohnt Arian* nun in einer Massenunterkunft mit mehr als 1200 Menschen. Allein in der kleinen Wohnung leben 13 andere Kinder und Erwachsene. Arians Pech ist es, dass seine Familie aus dem Kosovo stammt und seine Eltern als Asylbewerber nach Deutschland gekommen sind. Das heißt in Bayern: Ab in das Abschiebelager nach Bamberg, ohne Rücksicht, ohne Ausnahme, auch für Arian nicht.

Die Mutter von Arian ist in Deutschland geboren. Ihre Eltern sind während des Kosovokrieges nach Deutschland gekommen und gingen 2003 aber wieder dorhin zurück, weil sie hofften, dass sich die Lage dort gebessert habe. Dem war aber nicht so. Die Lage dort ist katastrophal, es gibt kaum Arbeit, dafür aber viel Korruption. Die Menschen erhalten kaum Unterstützung und müssen in Armut leben. „Diejenigen, die Arbeit finden verdienen für acht Stunden am Tag um die fünf Euro.“ Für die Berishas war es besonders schlimm. Sie sind Roma und werden von der albanischen Mehrheitsbevölkerung diskriminiert. Die Familie hat keine Wohnung, für sie ist es unmöglich dort Arbeit zu finden. Ihre Kinder konnten nicht in die Schule gehen, weil sie dort die Gewalt ihrer Mitschüler fürchten müssen.

Aufgrund der Diskriminierung und der Armut flohen die Berishas 2014 nach Deutschland. Ihr Weg führte sie über mehrere Asylheime ins mittelfränkische Rohr, wo die Kinder in den Kindergarten gehen konnten. Arian war inzwischen geboren, er musste die ersten drei Monate im Krankenhaus leben und die Ärzte bescheinigten ihm: „Das Kind sollte, insbesondere aufgrund der schweren Grunderkrankung, in einem geschützten Wohnbereich untergebracht werden. Die Unterbringung der Familie in einer Gemeinschaftsunterkunft halten wir, insbesondere für [Arian], für problematisch.“ Trotz dieser eindeutigen Empfehlung, kam dann das Schreiben, dass den Umzug ins Bamberger Abschiebelager anordnete. Die Familie konnte es nicht glauben und sprach mit den zuständigen Behörden vor Ort, die alle zusicherten, dass sie in Bamberg eine eigene Wohnung erhalten würde, damit für Arian keine Infektionsgefahr bestünde. Der Bruder der Mutter rief extra noch einmal in Bamberg an, um sich zu vergewissern und bekam auch dieselbe Zusicherung. Die Berishas entschieden sich also nach Bamberg zu gehen, obwohl die Kinder aus ihrem Kindergarten herausgerissen wurden. „Sogar die Erzieherinnen haben geweint.“

In Bamberg war alles ganz anders als erwartet. Arian muss nun mit 13 anderen Menschen in einer Wohnung leben. Es gibt keinen Kühlschrank, um seine Nahrung zu kühlen, und keinen Herd, um etwas warmzumachen. Es ist sogar verboten einen Wasserkocher zu besitzen. Selbst für die Erwachsenen ist die Versorgungssituation problematisch. Lächerlicherweise wird allen immer nur eine einzige Portion in der Kantine aufgetan, in den Wohnungen selber darf überhaupt kein Essen gegessen werden. Die Familie hat sogar die Auskunft bekommen sie würden verhaftet werden, wenn sie in der Wohnung essen. Für die Kinder ist es noch schlimmer, sie können sich kaum an das eintönige, unbekannte Essen gewöhnen und sie können außerhalb der festgesetzten Zeiten überhaupt nichts essen.

Auch die sonstige Situation ist nicht hinnehmbar. Die wenigen Waschmaschinen sind ständig belegt und die Familie muss um Mitternacht aufstehen, um waschen zu gehen. Es gibt keinerlei Privatsphäre, denn außer dem Bad können weder Zimmer- noch Wohnungstüren abgesperrt werden. Arian, der vorher wenigstens regelmäßige Krankengymnastik erhalten hat, bekommt nun gar nichts mehr. Als er im Januar an einer obstruktiven Brochitis und Lungenentzündung erkrankte, wurde den Eltern empfohlen keinen Krankenwagen zu rufen, denn den müssten sie selber zahlen und das würde mehrere tausend Euro kosten. Zum Glück hat die Familie ihn dann trotzdem gerufen und Arian konnte nach mehrwöchiger Behandlung entlassen werden.

Die Berishas haben große Angst abgeschoben zu werden. Im Kosovo gibt es keine ausreichende medizinische Versorgung. Viele medizinische Geräte sind dort komplett veraltet, teilweise wird kaum auf Hygiene geachtet und auch unzugelassene Ärzte würden in den Krankenhäusern arbeiten. Abgesehen davon kostet jede Behandlung immense Summen, die sich die Familie schlichtweg nicht leisten kann. Die medizinische Versorgung von Arian und der 7-jährigen Tochter, die an einem Tumor leidet, könnte nicht gewährleistet werden. „Ich habe Angst, dass mein Kind stirbt“, meint die Mutter.

In Deutschland erhoffen sich die Eltern möglichst bald Arbeit zu finden und ein diskriminierungsfreies Leben ohne Angst um das Wohl ihrer Kinder zu führen.

Familie Gashi

<<Der Brief kommt an einem Nachmittag um vier. Er gibt Bajram Gashi und seiner Familie acht Stunden. Bis Mitternacht haben sie Zeit, ihre Wohnung in Schweinfurt aufzulösen und sich in Bamberg einzufinden. Die Familie packt nur das Nötigste. Sie haben Angst. Als Bajram Gashi einige Tage später kurz zurückkehrt, um zurückgebliebene Sachen zu holen, ist schon eine Familie aus Afghanistan eingezogen. Die restlichen Möbel der Familie und den wenige Tage zuvor getätigten Monatseinkauf hat der Hausmeister entsorgt.

Die Gashis sind der Abschiebung nicht entgangen. Nur deshalb, das merken sie bald, hat man sie nach Bamberg beordert, in eine verlassene Kaserne der US-Armee, eine Sammelunterkunft, die nur einen Zweck hat: Asylbewerber unterbringen, deren Bleibechancen verschwindend gering sind. Die Regierung Oberfranken, die die Einrichtung betreibt, spricht von einer "Ankunfts- und Rückführungseinrichtung", kurz ARE. Andere sagen "Abschiebelager". Bisher hat in der Bamberger ARE niemand Bleiberecht in Deutschland erhalten.>> Lesen sie hier den ganzen Artikel auf Zeit Online.

Familie Rahmani*

M. ist ein Mann Ende 20 aus dem Kosovo, der mit seiner Familie vor ca. 2 Jahren nach Deutschland geflohen ist. In seinem Heimatland hat er als Tagelöhner gearbeitet, um seine damals vierköpfige Familie zu ernähren. Er erzählte, dass es für ihn als Roma sehr schwierig sei, eine Arbeit mit regelmäßigem Einkommen zu finden. Oftmals blieben die Teller der Familie leer. Hinzu kam die tägliche Diskriminierung der Kinder im Kindergarten und in der Schule, die sie nicht nur durch Mitschüler, sondern auch durch Lehrer erfahren haben. „Wir mussten jeden Tag aufs Neue überlegen, ob wir unsere Kinder heute zur Schule schicken oder nicht. Wir sind Roma, die anderen mögen uns nicht, und lassen es uns jeden Tag spüren“. Es ist ihnen daher nicht sonderlich schwer gefallen ihre Baracke im Kosovo zurück zu lassen und auf eine bessere Zukunft in Deutschland zu hoffen. Ihre Ansprüche an eine bessere Zukunft sind bescheiden: Sicherheit, Bildung für ihre Kinder, eine Arbeit und eine kleine Wohnung, in der sie friedlich Leben können. Bevor die Familie vor zwei Wochen ins Bamberger Abschiebelager gekommen ist, konnten sie sich eine kleine Existenz in Würzburg aufbauen. Die Kinder konnten unbeschwert die Schule und den Kindergarten besuchen und sie hatten ihre eigene kleine Wohnung, in der sie sich wohl und sicher fühlten. Zudem konnte die junge Mutter endlich medizinisch versorgt werden. Sie konnte wochenlang nicht schlafen und litt an immer wiederkehrenden Halluzinationen. Ein Arzt diagnostizierte bei ihr eine „schwere depressive Episode mit zeitweise psychotischen Symptomen“. Die entsprechende und notwendige Behandlung konnte ihr in Würzburg gewährleistet werden. Trotz Abraten des Arztes wurde die junge schwangere und stark gesundheitliche gefährdete Frau in die Massenunterkunft nach Bamberg gebracht:

„Hierzu ist aus psychiatrischer, aber allgemeinmedizinischer Sicht anzuführen, dass Frau D. in diesem Zustand überhaupt nicht reise- und transportfähig ist. Einerseits ist sie aufgrund ihrer depressiven Symptomatik in ihrem Bewegungsspielraum stark eingeschränkt, andererseits ist, will man die aktuelle Schwangerschaft der Patientin nicht gefährden, die Patientin auf Schonung Reizabschirmung und einer anhaltenden psychiatrischen Kontrolle und gynäkologischen Kontrolle angewiesen. Diese medizinische Versorgung kann augenblicklich in [...] sichergestellt werden, jedoch sicherlich nicht mehr nach Verlegung nach Bamberg“

Dort muss sie sich mit 11 weiteren Personen eine winzige Wohnung teilen und hat bislang keine medizinische Versorgung erhalten. Wie aus dem Arztbericht hervorgeht ist die achtundzwanzigjährige Frau suizidgefährdet und bedarf dringend ärztlicher Behandlung, die im Bamberger Abschiebelager offensichtlich nicht gewährleistet werden kann. Auch die anderen Umstände im Abschiebelager machen der jungen Frau und ihrer Familie zu schaffen. Es ist laut, eng, schmutzig und es kommt aufgrund der beengenden Situation häufig zu Streitigkeiten untereinander.

Wenn die Familie in den Kosovo abgeschoben wird, ist es fraglich, ob die Kinder jemals wieder eine Schule besuchen werden, die Mutter medizinisch versorgt werden kann und die junge Familie sich überhaupt eine Existenz aufbauen kann.

Familie Terpuni*

Die Familie Terpuni floh im August 2014 aus Kosovo zu Fuß über Ungarn nach Deutschland. Zunächst verbrachten sie die ersten Monate in München, Zirndorf und Fürth, bis sie dann im November 2014 in einer Sammelunterkunft in Bamberg untergebracht wurden. Im Dezember 2015 teilte ihnen der Hausmeister der Sammelunterkunft mit, dass die Familie in die „Ankunfts- und Rückführungseinrichtung“ (ARE) umziehen müsse. Noch in derselben Woche bekam die Familie einen schriftlichen Bescheid, der den Umzug in die „ARE“ innerhalb von 4 Tagen anordnete. Für die Familie wurde weder ein Bus noch eine andere Transportmöglichkeit organisiert, letztendlich fuhr sie der Hausmeister in das Lager. Des Weiteren wurde ihnen auch kein Hinweis darauf gegeben, wie es mit der Beschulung der beiden Kinder weitergeht.

Im Kosovo lebte die Familie, die der Minderheit der Roma angehört, zunächst in einem Haus am Rande der Stadt. Wie in so vielen Fällen fiel es den beiden Eltern aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit schwer, Arbeit im Kosovo zu finden. Sie lebte von Sozialhilfe. Alles in allem beschrieb die Familie die Situation dennoch als glückliche Zeit. Doch eines Tages musste ihr Haus Platz für eine Basketballarena machen. Das Haus der Familie wurde enteignet und sie bekamen keinerlei Entschädigung dafür. Die Sozialhilfe, die mit 100 Euro gerade zum Leben reichte, musste nun auch noch die Miete von 50 Euro abdecken. Aufgrund der prekären Lage wurde die Mutter der Familie nach und nach depressiv, beide Elternteile litten dabei schon ohnehin an Herzproblemen. Zwar gab es im Kosovo die geeigneten Medikamente und eine psychotherapeutische Behandlung wäre möglich gewesen, doch sowohl die Medikamente als auch die Behandlung müssen dort selbst gedeckt werden. Die Familie konnte dies mit ihrer geringen Sozialhilfe aber nicht bewältigen. Aufgrund dessen und der Angst, dass den Kindern ein ähnliches Schicksal bevorstünde, fasste die Familie den Entschluss nach Deutschland zu fliehen, wo Geschwister beider Elternteile schon seit Jahrzehnten leben.

Mittlerweile wartet die Familie in der „ARE“ auf ihre Abschiebung. Sie hat Angst vor ihrer Rückkehr in den Kosovo, da dort ihre Papiere zunächst einmal neu gemacht werden müssten, was bedeutet, dass sie in den ersten drei Monaten keinerlei Sozialhilfe erhalten können. In diesem Fall steht der Familie zunächst ein Leben auf der Straße bevor. Auf die Frage, was sie im Kosovo danach zu erwarten hätten, antwortete die Familie: „Diskriminierung, Kein Haus, Keine Arbeit, Kein Leben“. Ihr größter Wunsch sei es in Deutschland zu bleiben.

Luan*

Luan ist 23 Jahre alt und kommt aus dem Kosovo. Seine vierköpfige Familie ist vor über einem Jahr nach Deutschland gekommen und hat hier einen Antrag auf Asyl gestellt. In seinem Heimatland hat er das Gymnasium besucht und anschließend ein Studium am International Business College in Mitrovica begonnen. Nach einem Jahr musste er jedoch das Studium abbrechen, da seine Mutter psychisch erkrankt ist und das Geld für die Medikamente fehlte. Sein Studium wurde somit unbezahlbar.

Der gesundheitliche Zustand seiner Mutter wurde immer schlechter und das Geld reichte weder für die Medikamente, noch das Studium oder die Miete. Um also die medizinische Versorgung und Mietkosten tragen zu können, versuchte er im Kosovo einen Job zu finden. Er sagte, dass es generell sehr schwierig ist im Kosovo Arbeit zu finden, für die Volksgruppe der Ägypter allerdings fast unmöglich, da sie nach wie vor diskriminiert werden. Um an ein bisschen Geld zu kommen, führte er Gelegenheitsjobs aus und bettelte auch manchmal auf der Straße, doch die finanzielle Lage wurde immer prekärer. Für ihn und seine Familie gab es in ihrem Heimatland einfach keine Perspektive mehr und sie sahen die einzige Chance auf eine Zukunft in Deutschland.

In dem Flüchtlingsheim, in dem sie über ein Jahr untergebracht waren, haben sie sich wohlgefühlt und die Mutter konnte medizinisch versorgt werden. Nun wurden sie jedoch vor ein paar Wochen in das Abschiebelager gebracht und müssen dort auf ihre Abschiebung zurück in den Kosovo warten. Er beschrieb die momentane Situation als katastrophal. Es sei immer laut, da sich viel zu viele Menschen eine Wohnung teilen müssen. Privatsphäre existiert kaum. Zudem ist es ihnen nicht gestattet in der Wohnung zu kochen und das bereitgestellte Essen wurde einstimmig als „schrecklich“ beschrieben. Es scheint tagtäglich Salami zu geben. Er erzählte, dass vor ein paar Tagen um vier Uhr morgens eine albanische Familie von fünf Polizisten abgeholt wurde: „Es hat nur 40 Minuten gedauert, dann waren sie für immer weg. Wir haben Angst um unsere Zukunft“.

Luan und seine Familie haben beschlossen, nun „freiwillig“ zurück in den Kosovo gehen, da sie dann nur eine EU-Einreisesperre von 10 Monaten erwartet. Eine polizeiliche Abschiebung würde eine 30- monatige Einreisesperre mit sich bringen. Dort stehen sie allerdings vor dem Nichts: kein Geld, keine Wohnung und kein soziales System, das sie auffangen kann. „Ich würde gerne weiter studieren, aber dafür ist kein Geld da. Wir wissen nicht wo wir langfristig bleiben, arbeiten und essen sollen. Die Angst ist da, dass sich der gesundheitliche Zustand meiner Mutter wieder verschlechtert“. Der junge Kosovo-Albaner und seine Familie sind nun vor ein paar Tagen zurück in den Kosovo gereist. Vom deutschen Staat haben sie keine finanzielle Unterstützung für die „freiwillige“ Rückkehr erhalten, die ihnen mehrmals vom Bundesamt für Migration nahe gelegt wurde.

Muhammed E.

Die Augsburger Allgemeine berichtete: <<Die Familie Emini, die in der Windprechtstraße lebt, hatte am Freitag per Bescheid erfahren, dass sie weg soll. Muhammed Emini, 36, ist aber gar nicht transportfähig. Er wurde mehrfach am Rücken operiert, kann nicht sitzen und liegen, auch mit Krücken nur unter Schmerzen stehen. Der nächste OP-Termin ist im Januar anberaumt. Die Eminis, Roma aus dem Kosovo, leben seit über vier Jahren in Deutschland, ihre Familie wurde im Kosovo verfolgt, mehrere Verwandte umgebracht, wie sie berichten. Sie haben Rechtsmittel gegen den Bescheid eingelegt, so Flüchtlingsberater Matthias Schopf-Emrich vom Diakonischen Werk. Er sagt: „Bei allem Druck muss man bereit sein, humanitäre Härtefälle zu identifizieren.“ Die Eminis haben Kinder, die älteren trauten sich kaum in die Schule – aus Angst, ihre Eltern wären weg, wenn sie wiederkommen.>>

Muhamet

Laut sueddeutsche.de erhielt die Familie von Muhamet, einem kleinen Kind, das an Epilepsie leidet, die Aufforderung in das Bamberger Abschiebelager umzuziehen: <<Er und seine Familie kommen aus Kosovo. Dort ist die medizinische Versorgung zum Teil so schlecht, dass Muhamet im Falle einer Abschiebung in Lebensgefahr geraten könnte. Es ist nicht nur die Epilepsie, der 14-Jährige ist schwerbehindert, geistig und körperlich, er ist blind, er hört kaum. Sein Vater Rifat U. hat ihn die ganze Flucht über auf dem Arm getragen, sechs Tage lang. Muhamet wog nur noch 13 Kilo. Das war vor eineinhalb Jahren. Inzwischen hat er ein paar Kilo zugenommen, dank Therapie und Medikamenten. "Er wird nicht mehr gesund", sagt Rifat U., "aber er hat keine Schmerzen mehr." Jemand wie Muhamet soll also ins "Abschiebe-Camp"? Obwohl ihm deutsche Ärzte attestiert haben, "dass eine Abschiebung aus kinderärztlicher Sicht eine Gefährdung" sei.>>

Sara*

Saras Krankheit konnte im Kosovo nie festgestellt werden. Sie lebte mit ihren drei Kindern und ihrem Mann in verlassenen Häusern, weil die Familie kein Geld hatte, um sich eine eigene Unterkunft leisten zu können. Vor eineinhalb Jahren flohen sie nach Deutschland, in der Hoffnung der Armut entgehen zu können. Sie verbrachten 11 Monate in Hof. Hier konnte auch Saras Krankheit diagnostiziert werden: Sie leidet an Epilepsie.

Im Kosvo ist die medizinische Versorgung sehr schlecht, deshalb konnte ihre Krankheit dort auch lange nicht erkannt werden. Sie selbst hat kein Geld für eine Behandlung und es werden auch keine Kosten vom Staat übernommen.

In Deutschland wurde bei ihrer 13-jährigen Tochter eine latente Lungentuberkulose festgestellt. Ein ärztliches Schreiben von Oktober 2015 befürchtet sogar, dass die Tuberkulose ausgebrochen ist. Es ordnet eine Röntgenuntersuchung der Lunge an. Da das Schreiben weder übersetzt wurde, noch die Familie ausreichend aufgeklärt wurde, führten sie die Röntgenuntersuchung nicht durch. Trotzdem legte die Tochter das ärztliche Schreiben einem Mitarbeiter der Regierung von Oberfranken am 11. Februar vor. Offene Lungentuberkulose ist eine hochansteckende Krankheit. Normal werden Untersuchungen bei einem Verdacht noch am selben Tag durchgeführt, gerade in einer Massenunterkunft mit über 1200 Menschen ist hier besondere Vorsicht gegeben. Die Regierung von Oberfranken scheint allerdings sehr gelassen zu sein und machte einen Termin erst für den 29. Februar, also fast 3 Wochen später, aus. Angesichts der Tatsache, dass Patienten mit einer offenen Lungentuberkulose normal sofort isoliert werden müssen, ist dieses Vorgehen vollkommen unerklärlich. Dadurch wird nicht nur die Gesundheit hunderter Asylbewerber gefährdet, sondern auch die der Bamberger Bevölkerung. Das Bamberger Abschiebelager beweist wieder einmal, wie vollkommen ungeeignet diese Masseneinrichtung für einen angemessenen Umgang mit Flüchtlingen ist.

Zum Glück erfuhren wir durch Zufall von dem Verdacht auf offene Lungentuberkulose und konnten – wie das in diesem Fall üblich ist – sofort am nächsten Tag einen Termin beim Pulmonologen erwirken. Der Verdacht bestätigte sich glücklicherweise nicht und es besteht keine Ansteckungsgefahr. Dass die Regierung von Oberfranken die Asylbewerber, ihre Mitarbeiter und die Bevölkerung einer solchen Gefahr ausgesetzt hat, bleibt trotzdem skandalös. Dieser Fall ist Zeugnis einer vollkommenen Planlosigkeit und Unorganisiertheit, die im Bamberger Abschiebelager vorherrschen. Der möglichst schnellen „Rückführung“ werden alle anderen Ziele untergeordnet. Das schadet am Ende Asylbewerbern und Bevölkerung gleichermaßen.

Es bleibt am Ende nur noch zu erwähnen, dass das 13-jährige Mädchen in der selben Wohnung untergebracht ist, wie ein frühgeborenes Kind (Arian Berisha, siehe oben). Laut ärztlicher Anweisung sollte es ohnehin schon nicht in einer Gemeinschaftsunterkunft untergebracht werden. Eine Ansteckung mit Tuberkulose hätte tödlich enden können.

Trimnor*

Trimnor, ein Asylsuchender aus Albanien, wurde im Oktober 2015 abgeschoben. Zuvor musste er für einen Monat im Bamberger Abschiebelager leben. Eigentlich wollte er über seine Geschichte bei einer Pressekonferenz sprechen, doch seine Abschiebung kam ihm zuvor. Wie sich später herausstellte, war die Abschiebung illegal, rechtsstaatliche Prinzipien wurden grob verletzt.
Trimnor war mit seiner Familie vor drohender Blutrache nach Deutschland geflohen. Das konnte er sogar mit sämtlichen Dokumenten verschiedener albanischer Behörden beweisen. Sein Asylantrag wurde trotzdem, wie fast alle Anträge aus den Balkan-Staaten, als „offensichtlich unbegründet“ abgelehnt.

Gegen diese Ablehnung hat seine Anwältin beim Verwaltungsgericht Bayreuth Klage eingereicht. Da die Klage allein keine aufschiebende Wirkung hat, wurde zusätzlich innerhalb der gesetzlichen Fristen ein Eilantrag auf aufschiebende Wirkung gestellt. Bis zur Entscheidung über diesen Antrag hätten Trimnor und seine Familie nicht abgeschoben werden dürfen, dennoch wurde die Abschiebung vollzogen. Damit ist diese Abschiebung schlicht rechtswidrig, die Anwältin versucht nun, die Rückholung von Trimnor und seiner Familie zu erreichen. Er selbst lebt in Albanien unter Lebensgefahr.

Valdet

Valdet kam mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern vor 2 Monaten nach Deutschland, wo sie zunächst in Scheßlitz in einer Sammelunterkunft lebten. Anfang Dezember musste die Familie dann in das Abschiebelager nach Bamberg umziehen. Nun leben sie dort mit 16 anderen Personen in einer Wohnung. Das Essen ist extrem eintönig und für die Kinder fehlt teilweise das Nötigste. Trotz dieser schlechten Unterbringung und dem Bewusstsein, dass eine baldige Abschiebung wahrscheinlich ist, möchte er mit seiner Familie mindestens bis zum April bleiben.

Denn ursprünglich lebte Valdet mit seiner Familie in einer Baracke im Kosovo (siehe Foto). Sie hatten dort keinen Strom und keine Heizung, das Haus glich vielmehr einem Rohbau. Und gerade aus diesem Grund ist es Valdet so wichtig noch bis in die wärmeren Monate hinein in Deutschland zu bleiben. Auf die Frage, wie er denn das Haus für den Fall beheizen würde, antwortete Valdet: „Mit einem offenen Feuer, das ist unsere einzige Möglichkeit. Doch nur direkt am Feuer ist es warm, da jegliche Isolation am Haus fehlt.“ Ihn macht es sehr traurig, wenn er daran denkt, dass seine Kinder in einem solchen zu Hause leben müssen. „Ich kann nichts an dem Haus machen, dazu fehlt uns das Geld, die Sozialhilfe reicht gerade einmal für das Nötigste“. Er möchte gerne arbeiten, doch sagt er: „Im Kosovo gibt es keine Arbeit für mich, für niemanden“. Wie motiviert er ist, in Deutschland zu arbeiten und seiner Familie ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, zeigte sich schon alleine daran, dass er nach nur 2 Monaten in Deutschland schon gut Deutsch spricht.

*Name geändert